The miami sun
Rising in the Everglades
Burger in a bun *
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Haiku
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"Dieses Haiku, fuhr er fort, habe ich in Johnny Raffa´s Bar geschrieben [...] und es ist ein wirklich schlechtes Gedicht […] Wenn Bashō , der große japanische Dichter, Englisch spräche und noch lebte, wäre er bestimmt entsetzt. Aber er würde es als Haiku anerkennen, denn es hat fünf Silben in der ersten Zeile, sieben in der zweiten und noch einmal fünf in der dritten. Addieren Sie sie, und sie bekommen siebzehn Silben – alles was Sie für ein Haiku brauchen.
Und alles konzentriert sich auf einen durchdringenden Gedanken." *
(Charles Willeford "Miami Blues")
Dieses Zitat aus "Miami Blues" von Charles Willeford beschreibt die wesentlichsten formalen Kriterien eines Haiku – und bringt die Sache auf den Punkt. Natürlich ist die Sache nicht ganz so einfach – denn wie gesagt es ist ja "ein wirklich schlechtes Gedicht" und Bashō würden sich die Zehennägel einrollen, wenn er noch lebte und es sich anhören müsste.
Die Haiku- Dichtung ist ein klar umgrenztes und sehr spezielles Gebiet der japanischen Literatur (die seit Jahrhunderten neben ihrer Dichtung auch eine Tradition großartiger Prosa hervorgebracht hat), und wurde ungefähr im 16. Jahrhundert entwickelt, begann nach einer ersten Blüte in formale Erstarrung abzudriften und erlebte dann eine neue Hochblüte durch den Haiku- Dichter Bashō, der zwischen 1644 und 1694 gelebt hat und dessen Namen sich vom japanischen Wort für "Bananenstaude" ableitet, weil er lange Zeit in einer Hütte gelebt hat, die inmitten von Bananenstauden gelegen war.
Haiku erregt heute nach wie vor Interesse in Japan. Die berühmte zeitgenössische Autorin Banana Yoshimoto soll ihr Pseudonym "Banana" als bewusste Referenz an den Dichter Bashō ausgewählt haben. **
Der Haiku- Dichter kann nicht mit gewöhnlichen Dichtern gleichgesetzt werden, weil das Haiku eine besondere Art des Denkens voraussetzt.
Idealerweise lebt der Haiku- Dichter anders als andere Menschen - handelt, wünscht und vor allem ERLEBT anders.
Zumindest die Haiku- Dichter der vergangenen Jahrhunderte lebten meist als Wandermönche, oder verzichteten – wenn sie keine Mönche waren – zumindest auf Besitz, lebten idealerweise in Armut und Einsamkeit in der Natur – dadurch im Einklang mit der Natur.
Diese selbstgewählte Einsamkeit führt ihn (den Haiku- Dichter) zur größtmöglichen UNMITTELBARKEIT des Erlebens. Dieses unmittelbare Erleben der ihm gegenwärtigen Wahrnehmung setzt ihn in die Lage, in kurzen Worten (eben 17 Silben) eine erlebte Stimmung mit Worten zu einem Bild zu verdichten.
Wenn du ein gelungenes Haiku liest oder hörst, so siehst du das Bild, das auch der Dichter gesehen haben mag, deutlich vor Augen.
Das Haiku ist unmittelbar – das Haiku ist gegenwärtig
Was meine Bleistiftzeichnungen mit Haiku zu tun haben, erfährst du hier. (Link öffnet mein Video "Haiku")
HAIKU – meine Bleistiftzeichnungen:
Warum ich meine kleinformatigen Bleistiftzeichnungen als Haikus bezeichne – denn das ist es was ich tue - und auf dieser Website in Verbindung mit alten japanischen Haikus präsentiere:
Meine Neuanfänge des Zeichnens und Malens bestanden darin, wie ich in einem anderen der hier veröffentlichen Texte beschreibe, wieder "das Gehen zu lernen". – Ich ging daher hinaus in die Natur, zeichnete ohne lange darüber nachzugrübeln, einfach das, was mir unmittelbar unter die Augen kam, meist kleine oder kleinste Objekte am Wegrand.
Blüten, Schwämme an Bäumen, Knochenstücke von Tieren zum Beispiel, die die Jäger im Wald aus irgendeinem Grund liegengelassen hatten, aber auch tote Insekten.
Hier geht es zm Kurzfilm "Haiku"
Auch als Trägermaterial nahm ich was gerade zur Hand war, ein Fetzchen Papier das ich gerade hatte – es konnte im Einzelfall sogar ein gebrauchter Kuchenteller sein - Ich habe das mit Bleistift gezeichnet – was der Haiku- Dichter mit Worten zeichnet.
Zweifellos ist der Weg des Haiku- Dichters der kunstvollere – doch auch meine Miniaturen sind in dem Haiku - Geist gezeichnet.
So kam ich langsam auf den richtigen Weg – zumindest was meine künstlerische Arbeit betrifft.
Derzeit (dieser Text wurde 2015 veröffentlicht) wende ich mich mehr und mehr großen Formaten und immer stärker der Malerei zu.
Doch die mit Bleistift gezeichneten Haikus werden gleichzeitig weiter entstehen – sie sind auch eine Form der Meditation und geistigen Schulung. Ich erweitere diesen meditativen Weg seit einiger Zeit durch Zeichnungen mit Rohrfeder und Tinte – eine Technik, die ein Höchstmaß an Konzentration und durch und durch Gegenwärtigsein erfordert. Auch diese Bilder werde ich irgendwann auf mystikimalltag.info präsentieren.
Der Kurzfilm "Haiku" zeigt einige meiner Zeichnungen gefundener toter Insekten (die welche mir persönlich am besten gefielen) verbunden mit klassischen Haikus des vormodernen Japans.
"Später fielen Mondscheinstreifen durch die schrägstehenden Jalousien und zeichneten gelbe Striche auf Freddys unbehaarte Brust. Susan trug ein Babydoll; sie hatte sich dicht an ihn gekuschelt und benutzte seinen ausgestreckten Arm als Kopfkissen. Freddy lachte leise und kehlig, und dazu schnaubte er: "Erinnerst du dich an das Haiku, das der Professor geschrieben hat?"[…] "The Miami Sun / Rising in the Everglades / Burger in a bun. Darüber hab´ ich gelacht. Jetzt weiß ich was es bedeutet." *
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Zitate und Quellen:
*Charles Willeford "Miami Blues" - das Zitat stammt aus folg. Ausgabe: Süddeutsche Zeitung Kriminalbibliothek, 2006, ISBN-10: 3-86615-233-7, ISBN-13: 978 – 3 – 86615 – 233 – 5; Seiten 40 und 65. (Denselben Roman findest du auch beim Alexander Verlag, Berlin)
** Buchtipp: Banana Yoshimoto "Kitchen", Diogenes Verlag Zürich, 1992, ISBN: 3 257 019 378. In dieser (gebundenen) Ausgabe findest du auch einen interessanten Essay über Banana Yoshimoto
Basis für den vorliegenden Text ist das Buch "Ihr gelben Chrysanthemen · Japanische Lebensweisheit · Haiku", hrsg. von Heinrich Tieck, Autorin (Übersetzungen der abgedruckten Haikus und erläuternder Text) Anna von Rottauscher, Verlag W. Scheuermann 1940.