"Pop is never going to die!" *
(Leon Kraushar)
zum Textanfang (der 1. Teil) und zum 2. Teil "ZEN goes Pop" In der Mitte des Textes erfährst du etwas über das wahre Wesen der Brillo Box
Kunst ist tot !
ZEN goes POP
Der folgende Text ist inspiriert von einer Vorlesungsreihe an der Technischen Universität Wien, die ich vor vielen Jahren noch als Studentin gehört- und sehr spannend gefunden habe - besonders interessant fand ich in dem Zusammenhang Dörte Kuhlmanns Vorlesung über Arthur C. Danto.**
Nehmen wir einmal an, es gäbe eine kontinuierliche Entwicklung der Kunst (was immer das ist) und der Definition dessen was ein Künstler ist.
Eine Art Evolution des Kunstschaffens. – was nicht heißen muss, dass ich das wirklich denke…
Demnach wäre der "Künstler" des Mittelalters noch ein reiner Handwerker gewesen, und das Wort "Kunst" hätte sich vom "Können" abgeleitet – wachsende Fähigkeiten kitzelten mehr und mehr die persönliche Eitelkeit dieser Handwerker – sie begannen ihre Werke zu signieren – langsam mutierten sie von Handwerkern zu wahrhaftigen "Künstlern".
Der Ruhm des Künstlers wächst - er wird immer eingebildeter!
Schließlich schnappt er über.
Im 18. Jahrhundert wird die Kombination aus Genie und Wahnsinn daher mehr und mehr zum Thema.
Die häufigste Kunsttheorie, die viele Mittelschullehrer an allgemein bildenden höheren Schulen vertreten, lautet wiederum:
Seit der Frühzeit bemühte sich der Künstler ein immer naturgetreueres Abbild von dem was ihn umgibt zu schaffen, bis dann die Fotografie diese Bemühungen überflüssig machte - daher liebe Kinder - dürfe der Künstler, der etwas auf sich hält, sich heutzutage nur noch mit abstrakter Kunst (evtl. auch Objektkunst, Performance usw. – wenn der Lehrer weiß, dass es so etwas auch gibt…) beschäftigen – denn alles andere wäre bloß Müll.
Damit ist dein eigener Handlungsspielraum, wenn du denn selbst malen willst, unerträglich eingeschränkt, weil durch Verbote beschränkt.
Die Gegenbewegung ist noch dämlicher. Sie sagt:
verdammt, bei diesen ganzen abstrakten Malern weiß man ja gar nicht, ob sie denn überhaupt noch ein gegenständliches Bild malen könnten – das was die machen, könne ja (angeblich) jeder Affe produzieren – wir malen daher ab sofort wieder altmeisterlich!
"Altmeisterlich" malen im 20. und 21.Jahrhundert heißt dann oft möglichst braun in braun zu malen, weil die (ursprünglich bunten, aber das wissen die Wenigsten) nachgedunkelten Bilder der "alten Meister" aus dem 15. oder 16. Jahrhundert ja auch eine braune Soße sind.
Diese Theorie macht dich, wenn du denn selbst malen willst, natürlich erst recht handlungsunfähig.
All diese Theorien haben mich fast ein Jahrzehnt lang gequält - dann fand ich – in der Kuhlmann - Vorlesung – die erste etwas brauchbarere Theorie, was das Wesen der "Kunst" eigentlich ausmacht:
Kunst ist wertvoll, wenn ein Betrachter vorhanden ist, der dem Kunstwerk Wert beimisst.
Damit lässt sich schon besser arbeiten.
Seit dem 20. Jh. heißt es immer wieder, es gebe keine Regeln, jeder sei Künstler, vor allem die Anhänger Rudolf Steiners betonen das oft - sehr sympathisch – ich kann dem auch nur zustimmen...
...nur denken die, die behaupten, jeder sei Künstler – natürlich nicht wirklich alles sei Kunst und jeder sei Künstler. Da liegt der Pferdefuß.
Normen, die definieren, was Kunst sei und was nicht gibt es nach wie vor.
Wenn ich also sage:
Kunst ist wertvoll, wenn ein Betrachter vorhanden ist, der dem Kunstwerk Wert beimisst
so treffe ich die Sache auf den Punkt.
Duchamp stellt ein Urinal als Ready Made in´s Museum – damit ist es Kunst.
Stelle einen beliebigen Gegenstand in einer Galerie, einer Ausstellungshalle oder einem Museum aus, ERKLÄRE den Besuchern der Ausstellung, dieser Gegenstand sei Kunst, und wenn du die Besucher der Ausstellung überzeugen kannst, dann IST es Kunst.
Damit lässt sich erst recht arbeiten.
In den 1960er Jahren kopiert Andy Warhol gängige Waschmittelkartons seiner Zeit – die Brillo Boxes – und stellt sie aus. Auch das ist ein Ready Made – oder doch nicht?
Das Urinal von Duchamp ist tatsächlich ein Urinal, das er irgendwo gekauft haben wird – im Sanitärfachhandel beispielsweise, vielleicht war es auch aus dem Sperrmüll – müsste ich noch recherchieren… für diesen Text spielt es keine Rolle.
Warhols Brillo Boxen sind aber keine echten Brillo Boxen – denn er hat sie nachgebaut!
Die Brillo Boxen sind daher KEIN Ready Made – sie sind die KOPIE eines Ready Mades.
Arthur C.Danto definiert nun das Wesen der Brillo Box wie folgt:
- Sie ist nicht ästhetisch (ist das wahr?)
- Sie ist die KOPIE eines Industrieprodukts
- Sie übt keine Gesellschaftskritik
- Keine handwerklichen Fähigkeiten sind nötig, um das Objekt herzustellen (tatsächlich?)
- Das Objekt ist banal (ist es wirklich banal?)
- Die Brillo Boxen stellen als KOPIE eines Ready Mades eine Provokation dar.
Fazit:
Andy Warhol habe nach einem mehrere Jahrhunderte dauernden Entwicklungsprozess durch die Erschaffung seiner Brillo Boxes die wahre philosophische Natur der Kunst erfasst und damit wäre das Ende der Kunst erreicht.
Aber ist die Kunst wirklich tot?
Wieso gibt es dann immer noch Kunsttätige?
Was ist nach den Brillo Boxes geschehen?
"Es geschah in einer Tausendstelsekunde. Das Aufbäumen in den Galaxien, welches eigentlich Äonen währen müsste, geschah in einem einzigen Wimpernschlag" ***
(David Seltzer "Das Omen", Roman, 1. Satz 1. Seite.)
Wenn die Kunst an sich tot ist, wie Arthur C. Danto behauptet, wäre die heutige Kunstproduktion logischerweise untot, ein Begriff, den ich von Bram Stoker**** übernommen habe. Denn was tot ist und doch noch irgendwie weiterlebt, wird von diesem als untot definiert.
Der Künstler als Untoter vulgo Vampir? – ein sehr spannender Gedanke.
Aber sind alle Künstler wirklich Vampire?
Das evolutionäre Modell der Kunstgeschichte als eines jahrhundertelangen Prozesses, der schließlich im Urinal des Marcel Duchamp und Warhols Brillo Boxen seinen Höhepunkt und seine Erfüllung findet ist im Übrigen vollkommen eurozentrisch angelegt.
Die bedeutenden künstlerischen Leistungen der nichteuropäischen Völker werden dabei ignoriert.
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ZEN goes POP
Sehr sehr stark vereinfacht sagt ZEN:
wir nehmen Sinneseindrücke auf, fassen diese Sinneseindrücke zusammen, und so entstehen Begriffsbilder und Konzepte von diesen Sinneseindrücken, damit auch Urteile.
Das ist nicht unbedingt vorteilhaft für uns, denn wir halten dann die Begriffe für die Dinge selbst.
Das mag im Alltag hilfreich sein, die Vielfalt der Sinneseindrücke zu ordnen, um den Alltag bewältigen zu können, aber es macht dich auch unwissend.
Ich versuche ein Beispiel – eine Geschichte:
Anfang 2015 war bei uns in Mitteleuropa eine partielle Sonnenfinsternis zu sehen. Ich bin daher, um mir das Geschehen anzusehen, auf einen auf einem etwa 500m hohen Hügel stehenden Turm mitten im Wald gestiegen, wo man einen weiten freien Blick auf die umgebende Landschaft und den Himmel hat.
Eine ganze Menge Leute hatte genau die gleiche Idee.
Nach und nach wurde alles – der Himmel und die Landschaft in ein eiskaltes Blau getaucht, das immer intensiver wurde – es wurde auch deutlich kälter – man sah Schlagschatten, die die Bäume warfen, in einer Form wie man sie sonst nie sehen würde – man sah drei Krähen über dem Wald kreisen, die das was sich abspielte scheinbar verstörte.
Alle diese Veränderungen sah man mit freiem Auge – ohne durch ein geschwärztes Sichtglas schauen zu müssen. Einer von uns Leuten da oben auf dem Turm behauptete aber, dass nichts Besonderes zu sehen wäre – das was wir sähen, würde genauso aussehen wie eine normale Abenddämmerung.
Das hätte nämlich der "Typ von den Science Busters" im Radio (oder war´s im Fernsehen?) gesagt, der die Sonnenfinsternis in der Sendung wissenschaftlich erklärt hätte. Und er nahm tatsächlich nicht das wahr, was alle anderen auf dem Turm wahrnahmen.
Das heißt ihm wurde ein Begriff in den Kopf gesetzt, dieser Begriff ersetzte die unmittelbare Wahrnehmung und blockierte sie.
Bewusstes Denken – so und so hat die Sonnenfinsternis zu sein - sagt die Wissenschaft – blockierte sein Sehen dessen was in dem Augenblick gegenwärtig war.
Ich will aber auch nicht ausschließen, dass es auch umgekehrt gewesen sein könnte – wir anderen hatten Erwartungen – diese formten Urteile – und wir sahen was wir sehen WOLLTEN, während jener Einzelne einfach nur das sah was WAR (bzw. in diesem Fall nicht war) Beides ist möglich.
In beiden Fällen ersetzt der Begriff das was tatsächlich IST.
Dieses Ersetzen der unmittelbaren Wahrnehmung durch Begriffe passiert uns allen ununterbrochen.
Das ist auch das Problem der europäischen Kunst(geschichte) – zu viel Denken in Begriffen und Urteilen – zu wenig unmittelbare Wahrnehmung und daraus resultierend die Unfähigkeit der Künstler einfach nur in der Gegenwart zu SEIN, statt in der Vergangenheit und in der Zukunft zu denken.
Noch eine zweite Geschichte – sehr frei von mir nacherzählt:
Sagt ein Zen- Meister zu seinen Schülern: "Wenn ich esse, esse ich, wenn ich stehe, stehe ich, wenn ich gehe, gehe ich"
Die Schüler denken: "unser Meister spinnt wohl!" und sagen: "Aber das tun wir doch auch!" –
"Nein", lautet die Antwort: "denn wenn ihr esst, steht ihr schon auf – wenn ihr dann steht, geht ihr schon."
Zen spricht vom Zustand des Nicht- Denkens, des Nicht- Bewusstseins.
Kannst du diesen Zustand erreichen, kannst du frei sein.
Kunst wird niemals sterben, wenn wir erkennen, dass wir einfach nur wahrzunehmen brauchen was IST - wenn wir z.B. etwas malen oder zeichnen, aber nichts überlegen – sondern nur wahrnehmen und vollkommen aus dem Instinkt heraus arbeiten.
Ich habe eine Zeitlang an der Technischen Universität Wien Aktzeichnen und Aktmalerei unterrichtet – ein Studentenjob - da habe ich mich noch nicht mit Zen befasst, habe aber trotzdem Studenten, die beim Zeichnen nichts weitergebracht haben, weil sie allzu verkrampft und verbissen vorgingen, gesagt, sie sollen doch einfach mal ihr Hirn für eine Weile abschalten und nur schauen.
Das hat mir bisweilen wütende Reaktionen eingetragen. (nach dem Motto: "wollen Sie mich verarschen ?!!!" ) - aber es war trotzdem ein guter Rat:
Papier in die Hand nehmen, Bleistift oder was auch immer in die Hand nehmen, schauen, wahrnehmen und einfach loslegen – also ohne zu denken das Geschaute auf das Papier bringen – und schon bist du eins mit dem was du siehst und zeichnest. Probiere es selbst! Es funktioniert.
Pop is never going to die!
Wenn es darum geht einfach im Hier und Jetzt zu sein, gegenwärtig zu sein, dann hat Andy Warhol die Kunst nicht getötet – er hat sie im Gegenteil aufgeweckt.
Denn was ist unsere Gegenwart? – Kulturpessimisten behaupten, dass Europäer heute denken würden, ihre Kultur wäre der Big Mac, McDonald´s, Blue Jeans und all diese profanen Dinge, und wir müssten uns endlich auf unsere alten Kulturwerte besinnen (so als hätten wir diese bereits alle ung´schaut in den Mistkübel geworfen - und haben wir das denn wirklich getan?)
Ich behaupte - der Big Mac, Blue Jeans und alle diese profanen Dinge – das IST unsere Gegenwart. – Und ist das schlecht? – Ist es gut?
Es ist weder das Eine noch das Andere – es IST einfach. Das alles ist hier und jetzt und bestimmt unseren Alltag.
Ist aber Zen das Gegenwärtigsein, das Sein im Hier und Jetzt, dann ist Pop Zen und Zen ist Pop.
Warhol nimmt einfach wahr was ist – er erhebt das was IST zur Kunst – wertfrei.
Warhol sagte in Interviews wiederholt, er wolle mit seiner Kunst nichts aussagen.
Das entspricht dem Wesen des Zen.
Pop is never going to die! Das was Warhol gemacht hat, haben auch andere Künstler seiner Zeit gemacht. Und das kann ein/e KünstlerIn heute genauso machen.
Unsere Gegenwart IST die Suppendose, sie IST die Waschmittelbox, sie IST der "White Giant" (Elfriede Jelinek*****), sie IST "Essen, Sterben, Umarmen und Irren" (Robert Indiana******), denn "vor Paris steht Micky Maus!" ("Amerika" – Rammstein*******), sie IST Elvis der im MumoK mit seinem Colt Joan Crawford zwischen die Augen zielt* (Andy Warhol, James Rosenquist), sie IST aber auch -----"Love" (Robert Indiana) und das blonde Mädchen, das sich aus der Chiquita-Banane schält (Mel Ramos) – POP ist allgegenwärtig und still alive!
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Zitate und Quellen:
* bezieht sich auf die Ausstellung "Ludwig Goes Pop", die 2015 im mumok (museum moderner kunst stiftung ludwig) in Wien im Museumsquartier gezeigt wurde: Das Zitat von Leon Kraushar (Kunstsammler) entdeckte ich im Rahmen der Ausstellung – www.mumok.at.
Im Erdgeschoss des mumok hingen ein Warhol - Elvis mit gezogenem Colt und James Rosenquist´s Bild von Joan Crawford einander so gegenüber, dass Elvis Joan genau zwischen die Augen zielte – was ich sehr originell gefunden habe.
** Wikipedia Link zu Arthur C.Danto
*** "Das Omen", Roman von David Seltzer - ich habe das Zitat meiner privaten Buchausgabe entnommen: William Peter Blatty, David Seltzer, Ira Levin - "Der Exorzist" · "Das Omen" · "Rosemaries Baby" - Lizenzausgabe für area verlag gmbh, Erfstadt 2004, ISBN 3-89996-021-1.
**** Bram Stoker "Dracula", z.B. erschienen beim Insel Verlag, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-458-32786-X (gibt es auch in vielen anderen Ausgaben bei den verschiedensten Verlagen z.B. auch bei dtv)
***** Der "White Giant" ist eine der Hauptfiguren in Elfriede Jelineks Roman "Wir sind Lockvögel Baby!" – nach wie vor im Rowohlt Verlag erhältlich und immer noch SEHR zu empfehlen! – www.rowohlt.de - www.elfriedejelinek.com
****** Wikipedia Link zu Robert Indiana
******* zum Thema Micky Maus in Paris siehe das Booklet der CD Rammstein "Reise, Reise", 2004 Universal Music.