Mystik im Alltag

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Der große Gott Pan und seine Götzen · Innere und äußere Seelenlandschaft · Mystik

"Der Feind wuchs vor ihm auf mit jedem ihrer Worte und er ward immer greifbarer." *
(Dostojewski · "Ein junges Weib (die Wirtin)")



Was ist Missbrauch? Was ist Manipulation?
Tatsächlich gibt es unzählige Formen des Missbrauchs – auch nichtsexuelle Formen des Missbrauchs; geistigen Missbrauch.

Jeder Missbrauch setzt Manipulation voraus.
Andererseits bedeutet nicht jede Manipulation den Missbrauch eines Menschen durch einen anderen.

Jede Manipulation verändert die innere Landschaft eines Menschen - und kann diese auch zerstören.

Jeder Mensch hat eine innere Landschaft – bei seiner Geburt ein blühender ungezügelter Garten.
Die innere Landschaft ist die individuelle – die sterbliche Seele eines Menschen.


Die unsterbliche Seele ist in meiner persönlichen Vorstellung dagegen frei von jeder Individualität – daher nicht unmittelbar manipulierbar und unterliegt dem ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt.

Wird die innere Landschaft eines Menschen zerstört – wird der blühende Garten zur Wüste.

Der folgende Essay versucht das Thema "Missbrauch und Manipulation" auf eine relativ abstrakte Weise abzuhandeln.
Ich glaube, das geht am besten mit dem Vermitteln von Bildern durch Worte.
So wie Bilder auch unhörbar in Worten erzählen können.


Ursprünglich wollte ich das Thema mit Hilfe einer Interpretation von Dostojewskis Erzählungen "Die Sanfte" ** und "Die Wirtin" * bearbeiten, aber das erwies sich dann als zu schwierig für mich.

Wer aber den nun folgenden Essay interessant findet - dem empfehle ich sehr beide Dostojewski- Erzählungen zu lesen - wobei ich dazu rate, bei Dostojewski die älteren Übersetzungen ins Deutsche zu wählen – z.B. die im Piper- Verlag erschienenen – oder sich eine antiquarische Ausgabe, die vor Mitte der 1950er Jahre erschienen ist, zu beschaffen.
In den jüngsten Übersetzungen der Werke Dostojewskis ist nämlich folgende Tendenz spürbar:
aus "Schuld und Sühne" wird zuerst "Verbrechen und Strafe" und schließlich "Strafbare Handlung und Mediation".
Das alles nur nebenbei ...




"The Great God Pan" · Innere Landschaft

"[…] Nun gut, wer bist du denn?"
"Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft." *** (Faust · 1. Teil)


Arthur Machen hat vor rund hundert Jahren die Erzählung "The Great God Pan" geschrieben.

Dieser Analyse liegt eine Buchausgabe zugrunde, die drei Erzählungen von Machen enthält, "The Great God Pan", "The Inmost Light" und "The Red Hand", veröffentlicht von Ayer Company – Publishers in Salem, New Hampshire, USA (Erstdruck 1926 – meine Ausgabe ist ein Reprint von 1987) ****

In "The Great God Pan" – Pan ist in Arthur Machens Schauerroman der Teufel – lädt ein gewisser Raymond seinen Freund Clark ein, auf seinen Landsitz zu kommen, um Zeuge der Ergebnisse seiner langjährigen Studien zu werden.

Dass diese Ergebnisse unheilvoll sein werden, verdeutlicht Machens Beschreibung der Landschaft, der Stimmungen des Lichts und dessen Veränderungen am Beginn der Erzählung.
Machen malt mit Worten. Allein seine Beschreibungen völliger Banalitäten lösen Angst aus.
Während in einer Geschichte kaum etwas passiert, vollendet sich die Erzählung in der Phantasie des Lesers.

Die Ergebnisse von Raymonds Studien enden in der Manipulation und im Missbrauch – d.h. in der Zerstörung der inneren Landschaft eines Menschen.

Raymond denkt, dass wir die reale Welt nicht sehen – wir sehen nur Schatten und Träume.
Die Schatten verbergen die reale Welt, die ein Abgrund ist.
Raymond will den Schleier, der die Schatten verbirgt, lüften. Um dieses Ziel zu erreichen, ist er zu jedem Verbrechen bereit.

Platons Höhlengleichnis einmal anders – hier ein Höllengleichnis.

Denn in Machens Welt gibt es keinen Gott, es gibt nur den Teufel – der – in Machens Vorstellung - alles erschaffen hat.
Das ist Gnostik. Eine Version davon.
In der Gnostik ist die Welt erschaffen worden von einem bösen Schöpfergott - einem Demiurgen - der die Welt nach und nach angefüllt hat und immer noch anfüllt mit Materie und noch mehr Materie – dadurch – absichtlich - immer mehr Leid verursachend - gipfelnd in der Erschaffung des Menschen.
Denn wer leidet mehr als der Mensch – wer verursacht mehr Leid?

Es gibt noch eine weitere - antisemitische Variante der Gnostik, die Jehova für den bösen Schöpfergott hält, Jesus Christus aber für einen Lichtbringer, der nach dieser Auffassung der Sohn eines anderen Gottes wäre.

Machens Gnostik ist eine satanistische.


Raymond erklärt in der Erzählung Clark, dass er herausgefunden habe, in welchem Teil des menschlichen Gehirns die Seele zu finden sei.

Es bedürfe nur eines kleinen Einschnitts an diesem Teil des Gehirns, und die Seele eines Menschen wäre erloschen.
Dieser Mensch wäre dann in der Lage den "großen Gott Pan" zu erblicken, weil er die Welt nicht mehr durch einen Schleier sehen würde.


Obwohl "The Great God Pan" viel früher geschrieben worden ist, erinnert die Beschreibung der darauf in dieser Erzählung folgenden Operation an Beschreibungen der Lobotomien die – vor allem an Frauen – in den U.S.A in den 1940er bis in die 1950er Jahre vorgenommen worden sind. Vorgeblich um deren seelische Erkrankungen zu heilen.

Die Lobotomien wurden aber auch an vollkommen normalen Frauen durchgeführt, die lediglich unangepasst waren. Die Persönlichkeit der Opfer war nach dem Eingriff unwiederbringlich verändert.

Zerstörte Menschen. Die maximale Form von Missbrauch und Manipulation.


aus Mystik ist Alltag geworden.


Kehren wir zurück zum "großen Gott Pan":

Raymond stellt Clark Mary vor – ein schönes siebzehnjähriges Mädchen.

Raymond hat Mary als Kind – als Waise - bei sich aufgenommen und buchstäblich vor dem Verhungern gerettet, sie dann wie sein eigenes Kind aufgezogen.
Sie soll der Operation unterzogen werden.
Raymond küsst Mary – als seine Frau – also auf den Mund - wieder das Missbrauchsmotiv. Der Kuss ist ein Abschied.

Mary überlebt die Operation – physisch.
Als sie erwacht sieht Clark ihren unnatürlichen Blick – Licht strömt aus ihren Augen – ihr Gesichtsausdruck ist unbeschreiblich – vom Grauen gezeichnet.
Sie fällt. Als vollkommen Irrsinnige muss sie von Raymond weggebracht werden.

Tage später besucht Clark – begleitet von Raymond – Mary auf dem Krankenbett.
Mary erholt sich nicht – Ihr Zustand ist irreversibel.

Raymond bleibt davon unberührt:
Die Operation sei gelungen – Mary habe Pan erblickt – seine Theorien seien damit bewiesen worden.

Warum Mary in die Operation einwilligt, sich freiwillig auf den Operationstisch legt, sich ohne Widerstand sedieren lässt, damit Raymond sie operieren kann, obwohl ihr Raymond zuvor erklärt hat, dass sie ihre Seele verlieren würde, sobald sie sich seinem Eingriff unterzieht – das wird nicht erklärt.

Arthur Machen hat an der Individualität Marys kein Interesse. Sie ist nur ein Objekt.

Als Leser oder Leserin muss man die Lösung dieses Rätsels selbst finden.


Am ehesten erklärt sich Marys passives Einwilligen durch Hörigkeit gegenüber Raymond. - Hörigkeit erzeugt durch Manipulation:

Raymond hat Mary als Waise, als Kind aufgenommen. Er hat sie alleine aufgezogen. Raymond war ihre ganze Kindheit und Jugend hindurch offenbar ihre einzige Bezugsperson und machte sie zuletzt – wie es scheint – auch wenn Machen das nicht explizit ausspricht – zu seiner Geliebten.


Im weiteren Verlauf der Erzählung löst sich Clark von Raymond.

Er versucht die Begebenheit, deren Zeuge er geworden war zu vergessen. Eine Zeitlang hält er sich fern von allem Okkulten.

Dann ergreift jedoch mehr und mehr eine Besessenheit von ihm Besitz:

Clark sucht nach weiteren Beweisen für die Existenz des Teufels – des "großen Gottes Pan"
er findet diese Beweise in Erzählungen, die ihm zugetragen werden und die er aufschreibt, aufhebt und in einen Zusammenhang zu bringen versucht.
Ein Zusammenhang, den er schließlich auch findet.

Er erhält Berichte zunächst über eine "Helen V.", angeblich eine Waise, jedoch unbekannter Herkunft, deren Aktivitäten Verdacht erregen.
Dann erfährt er durch einen gewissen Villiers of Wadham Gerüchte über die Frau eines gewissen Charles Herbert.

Mrs. Herbert sei demzufolge eine Waise, das Kind eines unbekannten anscheinend vornehmen Engländers und einer italienischen Mutter. Ein mysteriöser Todesfall steht mit Mrs. Und Mr. Herbert in engem Zusammenhang – jedoch kein Mord.
Der Mann starb offensichtlich an Schock.

Villiers erzählt Clark, er habe sich den Schlüssel von dem Haus besorgt, in dem das geheimnisvolle Ehepaar zuletzt gelebt hat und das jetzt leer steht. Besonders in einem Raum habe er eine unheilvolle Präsenz wahrgenommen.

Mr. Herbert erleidet einen merkwürdigen Tod.
Völlig verarmt stirbt er alleine in seinem gemieteten Zimmer den Hungertod. In dem Zimmer findet man eine mit Feder und Tinte gezeichnete Skizze eines Frauenkopfes.
Das Gesicht ähnelt dem Marys - das Mädchen, dem von Raymond die Seele genommen worden ist.

Villiers begegnet nun Austin.
Sie sprechen über eine Mrs. Beaumont, wieder eine reiche schöne Frau von unbekannter Herkunft. Ein Lord Argentine kennt sie näher.

Mrs. Beaumont habe Argentine einen tausend Jahre alten Wein kredenzt, als dieser bei ihr zu Gast gewesen sei.
Es sei der beste Wein gewesen, den Lord Argentine jemals genossen hätte.

Villiers hat von einem kürzlich verstorbenen Maler – einem gewissen Meyrick – ein Skizzenbuch geerbt.
Es zeigt grauenerregende, blasphemische Gestalten – Faune, Satyre, Ægipane - auf der letzten Seite aber einen Frauenkopf, der aussieht wie Mrs. Herbert, die wiederum Mary ähnelt.

Inzwischen stirbt auch Lord Argentine.
Er wird vollständig angekleidet und selbsterdrosselt in seinem Bett gefunden. Es gibt kein Motiv für den Selbstmord
– außer dass er Mrs. Beaumont gekannt hat ...

Helen V. – Helen Vaughan wie sich am Ende herausstellt – Mrs. Beaumont und Mrs. Herbert sind ein - und dieselbe Person.
Sie taucht auf und Menschen sterben.

Sie verschwindet und taucht nach einiger Zeit erneut aus dem Nichts auf – und wieder sterben Menschen.
Diese Menschen sterben alle an Schock also an Angst – oder sie begehen Selbstmord.

Helen ist die Ursache.


Meyricks Skizzenbuch – seine Faune, Satyre und Ægipane zeigen alle Miss Vaughan alias Mrs. Herbert alias Mrs. Beaumont, die wiederum aussieht wie Mary.
Sie ist alle Formen und alle Formen sind sie.


Denn Helen ist das Kind von Mary und Pan.


Die Erzählung endet mit dem Selbstmord Helens.


Ich möchte das Ende der Erzählung "The Great God Pan" so interpretieren:

Missbrauch – wiederum entstanden aus Menschenmanipulation – zieht stets weiteres Unheil an, das weit über das persönliche Unglück des missbrauchten – zerstörten Menschen hinausgeht.

Es sei denn dem manipulierten und missbrauchten Menschen gelingt es, sich selbst zu befreien.

In dieser Erzählung ist Mary dieser zerstörte Mensch und Helen, deren Weg von Leichen gepflastert ist – repräsentiert das weitere Unheil, das aus dem Missbrauch hervorgeht und sich fortsetzt.




Arthur Machen, der "Pan" also dem Teufel – sofern er tatsächlich an ihn geglaubt haben sollte – auf jeden Fall aber der Idee des "Pan" gegenüber positiv eingestellt ist,
schildert zu Beginn des Buches mehrfach in Form von Landschaftsbildern und Stimmungen das Erscheinen des "großen Gottes Pan".

Dem Leser wird auf diese Weise jeweils immer erst nach und nach klar – dass hier eine Erscheinung – eine Präsenz stattgefunden haben soll.

Machen verbindet "Pan" – also seine persönliche Version des Teufels – mit Mittag, mit Mittagsglut – es ist ja auch der heidnische Pan der alten Griechen und Römer. Er verbindet Pan mit den Assoziationen Hitze, gleißendes Licht, Sonnenlicht, Wachstum, Fruchtbarkeit und Sinnlichkeit. Für Arthur Machen entfesselt Pan die Sinnlichkeit, befreit die Sexualität - aber befreit auf diesem Wege nur die Männer.

Für Mary bedeutet Pan das genaue Gegenteil.

Jede Form von Missbrauch nimmt dem Opfer seine innere Freiheit.

Innere Freiheit bedeutet eine Seele, die weit ist und endlos und auf der alles wachsen kann.

Wird die Seele zerstört, verliert sie auch ihre Weite – sie wird dunkel, leer und eng.

Sie kann aber wiederaufgebaut - die innere Freiheit kann wiedererlangt werden.


"The Inmost Light" · Äußere Landschaft


Schildert "The Great God Pan" die Zerstörung der inneren Seelenlandschaft,
so symbolisiert die Erzählung "The Inmost Light" die Zerstörung der äußeren Landschaft eines Menschen.

Die Geschichte beginnt mit einem Zusammentreffen der Herren Salisbury und Dyson.

Dyson erzählt Salisbury vom Fall Harlesden – dort hat sich ein oder zwei Jahre zuvor ein mysteriöser Todesfall ereignet, der die Öffentlichkeit in der Folge eine Zeitlang beschäftigt hat.

Der Tod von Agnes Black, der Frau von Dr. Steven Black, einem Arzt, der damals im Londoner Vorort Harlesden gelebt habe.
Mr. Black, erzählt Dyson, habe von Anfang an unter Mordverdacht gestanden – man habe ihm jedoch bis zum heutigen Tag nie etwas nachweisen können.

Unmittelbar vor Agnes Blacks geheimnisvollen Tod sei Dyson in Harlesden unterwegs gewesen – ohne ein erklärtes Ziel – er sei dann zufällig an einem Haus vorbeigekommen.
Damals hätte er noch nicht gewusst wessen Haus das war und an dem Gebäude sei an sich nichts Außergewöhnliches gewesen.
Jedoch sei ihm eine Frau aufgefallen, die in diesem Moment aus einem der Fenster des Hauses geblickt hat, und die Erinnerung an den Anblick lässt ihn nicht los, denn:

Er habe in dem Fenster das Gesicht eines Menschen gesehen und doch sei das Gesicht, das er erblickt habe nicht menschlich gewesen.

Die Frau im Fenster war Mrs. Black.

Dyson kennt Details der Ergebnisse der gerichtsmedizinischen Untersuchung. Demnach hätten die Ärzte, die an Mrs. Black die Autopsie durchgeführt haben zunächst eine geheimnisvolle Gehirnkrankheit bei der Toten vermutet – sie sahen seltsame Veränderungen, eine Umformung der grauen Masse.
Der leitende Arzt sei so weit gegangen zu sagen: "[…] I could scarcely believe that the brain before me was that of a human being at all." ****
Doch als der Leichenbeschauer den Doktor gefragt habe, ob das Gehirn Ähnlichkeit mit dem eines Tieres hätte, habe der Arzt auch das verneint.
Tatsächlich denkt der Gerichtsmediziner, dass er das Gehirn eines Teufels vor sich liegen habe.

Das Merkwürdigste an dieser Geschichte sei laut Dyson jedoch, dass die ehemaligen Nachbarn des Ehepaars Black und auch die anderen Anwohner Harlesdens einstimmig erzählten, Mrs. Black sei zu ihren Lebzeiten eine außergewöhnlich schöne, warmherzige und sympathische Frau gewesen.
Auch die Ehe zwischen Mr. und Mrs. Black sei äußerst harmonisch gewesen.

Die Frau, die Dyson in dem Fenster gesehen habe, sei aber nicht schön gewesen.
Was er – Dyson – gesehen habe, sei das Gesicht eines Satyrs gewesen.

Nun erzählten die Anwohner Harlesdens aber auch - vor ihrem Tod, habe man sie – Mrs. Black - über einen sehr langen Zeitraum nicht mehr zu Gesicht bekommen.
Sie habe während dieser Zeit nicht mehr das Haus verlassen.

Salisbury - von dieser Geschichte beunruhigt – verlässt seinen Freund.
Auf seinem Heimweg gerät er in eine ihm wenig vertraute Gegend, ein heftiges Unwetter kommt auf und Salisbury muss sich unterstellen.
Er wird Zeuge einer Szene – eines wüsten lautstark ausgetragenen Streits zwischen einer Frau und einem Mann.
Schließlich wirft die Frau mit theatralischer Gebärde ein zusammengeknülltes Papier auf den Boden, und die beiden gehen ihrer Wege.

Salisbury hebt den Zettel auf, auf dem steht:

"Q. has had to go and see his friends in Paris, Traverse Handel S.
`Once around the grass, and twice around the lass, and thrice around the maple tree.´"


Salisbury kommt heim, studiert diese Zeilen und versucht daraus schlau zu werden.

Die Botschaft beunruhigt ihn in einem Ausmaß, das er selbst nicht verstehen kann.
Deshalb überlässt er Dyson das Geschriebene, der die Botschaft nach und nach entschlüsselt und so die folgenden Ereignisse rekonstruieren kann:

Mr. Black hat ein geheimnisvolles blechernes Kästchen besessen.
Aus irgendeinem Grund entwickelte er – nachdem er das Kästchen eine Weile in seinem Haus aufbewahrt hatte – die fixe Idee, seine Frau Agnes einer Gehirnoperation unterziehen zu müssen - derselben Operation, die Raymond an Mary in "The Great God Pan" durchführt.

Mrs. Black willigte – genau wie Mary – freiwillig in die Operation ein.
Anders als Mary dürfte sie aber nicht aus Hörigkeit gegenüber ihrem Mann eingewilligt haben, sondern stand offenbar genauso wie ihr Mann
unter dem unheilvollen Einfluss des Inhalts des Kästchens.

Beiden Eheleuten war klar, dass die Operation eine Umwandlung in Mrs. Black bewirken würde – und vor dem Eingriff bat Agnes Black ihrem Mann daher das Versprechen ab, sie zu töten, sobald diese Umwandlung ein bestimmtes Stadium erreichen würde. Ihr Mann hat dieses Versprechen gehalten.

Nach dem Mord verfällt Mr. Black in Armut und Depression. Er lebt alleine in einem gemieteten Zimmer.
Lebenswillen gibt ihm nur noch das Kästchen und dessen Inhalt, von dem er besessen ist.

Als der Inhalt des Kästchens verschwindet – Black glaubt, seine Vermieter hätten ihn gestohlen – begeht er Selbstmord, da ihm offenbar erst jetzt klar wird, was er eigentlich getan hat.


Dyson geht nun nach Soho und findet in der Handel Street ein Geschäft über dessen Eingang der Name des Inhabers steht: "Travers".
Dort beruft er sich auf "Q." und sagt seinen Spruch auf:"Once around the grass, and twice around the lass, and thrice around the maple tree."

Das Gesagte löst beim Inhaber des Geschäftes Entsetzen aus – doch gibt dieser ihm ein Paket, das ein hölzernes Kästchen enthält.

Wieder zuhause öffnet Dyson dieses Kästchen, und der ganze Raum erfüllt sich mit Licht - Licht in allen Farben des Spektrums.
Er blickt in das Kästchen hinein und erblickt einen traumhaften Juwel – einen Opal - in den all diese Farben eingeschlossen scheinen.


Dyson sieht nach ob er irgendwo unter dem Opal, der auf einem Innenfutter liegt noch weitere Edelsteine findet.

Stattdessen findet er ein altes Notizbuch beschriftet mit dem Namen und der Adresse "Steven Black, Harlesden". Die Notizen befassen sich mit Okkultem.

Dyson nimmt den Edelstein aus der Schachtel heraus und zertritt ihn unter seinem Schuh.

Gelber Rauch steigt nun auf, eine grelle Flamme steigt durch das Zimmer in die Höhe und verschwindet mit einem Laut, der wie ein wütendes Fauchen klingt. Dort wo der Edelstein gelegen hat, liegt nur noch ein Häufchen Asche.


Es kommt im realen Leben tatsächlich vor, dass ein Mensch erst durch äußere Einflüssefalsche Ideen, die an ihn herangetragen werden – auf den Gedanken kommt, einen anderen Menschen, z.B. ein Kind, zu missbrauchen.
Natürlich nicht durch ein Kästchen aus Blech oder Holz.
Die Symbolik ist aber von der Realität - der Wirklichkeit unserer Welt abgeleitet.

Mystik verdeutlicht die Realität des Alltags.




Ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und daraus Böses schafft.


Wird ein Mensch manipuliert, in der Absicht ihn zu missbrauchen, verändert das nicht nur den Garten seiner inneren Seelenlandschaft.
Die innere Landschaft beginnt sich nach außen zu kehren.

Agnes Blacks Gesicht verwandelt sich – und nimmt eine neue Form an. Das Gesicht ist der Spiegel der Seele – also auch Spiegel des blühenden Gartens oder der verödeten Wüste in unserem Inneren. Die äußere Seelenlandschaft.




Innere und Äußere Seelenlandschaft im realen Leben · Endpunkt · Alltag


Repräsentieren die Gehirnoperation bei Arthur Machen und die Lobotomien in den U.S.A. der 1940er Jahre die maximale Form von Missbrauch und Manipulation - den Seelenmord - so ist Mord die endgültige Form – eine letzte Steigerung – ein Endpunkt.

1995 hat Joyce Carol Oates den Roman "Zombie" ***** veröffentlicht. Er beschreibt den Lebensweg des fiktiven Serienkillers Quentin P., der seine Opfer dadurch zu Tode bringt, indem er ihnen einen Eispickel in den Schädel – durch das Gehirn hindurch rammt - durch die Augenhöhle, durch jene Stelle des Augenwinkels hindurch, der zwischen Auge und Nasenwurzel liegt.

Er will die Lobotomien der 1940er Jahre nachmachen.

Quentin will auf diese Weise aus seinen Opfern willenlose Zombies machen, die dann mit ihm zusammenleben- und alle seine sexuellen Wünsche erfüllen sollen.
Er will also maximalen Missbrauch an seinen Opfern ausüben.

Doch er ist kein Arzt – alle Opfer sterben – erleiden den physischen Tod. So erreicht er den Endpunkt.

Ich habe damals in verschiedenen Zeitungen mehrere Besprechungen des Romans und ein Interview mit Joyce Carol Oates gelesen.
Einigen dieser Besprechungen zufolge soll Quentin P. – der fiktive Mörder dieser Geschichte dem realen Mörder Jeffrey Dahmer nachempfunden sein und soll der Roman Details über die Mordmethoden Dahmers (die Lobotomien) enthalten, die die Polizei nach der Verhaftung Dahmers der Öffentlichkeit verschwiegen hätte.
Ob das nun Tatsache ist, oder nicht:
Beiden Mördern – dem fiktiven und dem realen - wurde extremes Mitgefühl entgegengebracht.

Joyce Carol Oates sieht Quentin P. als Opfer seines Vaters – als einen Menschen, der vergeblich nach Liebe sucht – mit untauglichen Mitteln.

Sie hat in ihrem Roman "Zombie" an der Individualität der Opfer kein Interesse. Sie sind nur Objekte.

Auch Dahmer wurde von den Zeitungen teilweise als Opfer der Eltern und der Gesellschaft dargestellt.
Sieht man sich Fotos von Dahmer während der Gerichtsverhandlungen an, sieht man tatsächlich einen Menschen, der innerlich tot ist – die Wüste in seinem Inneren kehrt sich nach außen.
Sieht man sich dagegen Bilder seiner Opfer an, die zu deren Lebzeiten aufgenommen worden sind – mir hat sich besonders ein Foto eingeprägt, das Oliver Lacy zeigt - so sieht man auf diesen Bildern lebendige Menschen, deren Seelen offensichtlich blühende Gärten waren, die aus ihren Gesichtern heraus leuchteten.
Der Gegensatz zwischen den Bildern, die Dahmer – und jenen, die die Gesichter seiner Opfer zeigen ist auffallend.

Dahmer – innerlich verödet – hasste alles was lebendig ist und wollte deshalb alles was Schönheit ist und wächst zerstören.

Wer missbraucht hasst das Leben an sich.




Jedoch:

Der Mensch – jeder Mensch - hat immer die Möglichkeit – wenn auch unter Umständen in einem durch sein Schicksal eingeschränkten Ausmaß - freie Entscheidungen zu treffen, die auf der Wüste seiner inneren Landschaft erneut etwas zum Keimen, zum Wachsen und schließlich zum Wiedererblühen bringen.
Diese Möglichkeit eröffnet ihm sein freier Wille.

Ob ich als Kind armer Eltern oder reicher Eltern geboren werde, ob ich ohne eine ausgeprägte Begabung auf die Welt komme oder mir das Schicksal irgendein Talent mitgegeben hat, ob ich dann die Voraussetzungen vorfinde, dieses Talent zu entwickeln oder nicht.
Das alles würde ich dem Schicksal zurechnen.

Schicksal schafft einen Rahmen für das Leben eines Menschen.

Innerhalb dieses Rahmens kommt der Mensch regelmäßig in Situationen in denen er zwischen zwei oder mehr möglichen Entscheidungen wählen kann.

Das Leben ist ein Weg, der sich immer wieder gabelt.

An solcher Weggabelung vor die Wahl gestellt zwischen einer lebensfördernden und einer lebensverneinenden Lebensentscheidung,
kann der Mensch immer völlig frei wählen.

Dahmer z.B. wurde auf seinem Lebensweg ständig Hilfe angeboten. Er allein war es, der diese Hilfe nicht angenommen - und immer weiter den Weg des Todes gegangen ist. Jedes Mal wenn er eines seiner Opfer getroffen hat, stand er an einer Weggabelung, an der er die Möglichkeit hatte, seinem inneren Drang mit einem "Nein!" zu antworten und sich für ein "Ja" zum Lebendigen zu entscheiden.

Wir alle können den inneren Garten – unsere innere Seelenlandschaft daher selbst jederzeit umformen.
Den inneren Garten zum Blühen oder Wiedererblühen bringen.
Wir müssen auch darauf hinarbeiten, den inneren Garten zum Wachsen zu bringen.

Wenn alle Menschen miteinander verbunden sind – weil sie alle aus dem gleichen Stoff bestehen – und eine Landschaft verdorrt, bringt sie auch andere zum Verdorren.
Blüht ein Garten, bringt er auch andere Gärten zum Blühen.

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Zitate und Quellen:

* Fjodor M. Dostojewski "Der Doppelgänger - Frühe Romane und Erzähungen", Piper- Verlag München · Zürich, Neuausgabe 1990; die Ausgabe folgt - mit Ausnahme des Anhangs - seitengleich der 1961 von E.K. Rahsin neu durchgesehenen Ausgabe; erstmalig im Piper- Verlag erschienen 1906 - 1919 in der Übersetzung von E.K. Rahsin; ISBN: 3 - 492 - 10406 - 1; verwendetes Zitat: Seite 521.

** Fjodor Dostojewskij (Der Reclam- Verlag schreibt seinen Namen anders) "Die Sanfte", Erzählung, Reclam- Verlag Stuttgart, 1984; ISBN: 3 - 15 - 006670 - 4.

*** Goethes Faust - 1. Teil, hrsg. von Dr. A. Lichtenheld, kommentierte Ausgabe des Verlages von Karl Graeser & Kie Wien, keine Angabe des Erscheinungsjahres;
natürlich gibt´s den "Faust" auch in modernen Ausgaben - die Ausgabe, die ich verwende ist ein Erbstück aus der k. u. k. Monarchie - also vor 1918 erschienen - aber sie tut es noch, warum sollte ich sie dann nicht weiterhin verwenden?; Zitat in dieser Ausgabe auf Seite 31.

**** Arthur Machen "The Great God Pan", Ayer Company, Publishers, Inc. Salem New Hampshire 03079; Reprint Edition 1987 - First Published 1926 - Reprinted 1970; Library of Congress Catalog Card Number 79- 128737; printed in the U.S.A.;
erstes Zitat: Seite: 101; "Zauberspruch": Seite 108.

***** Joyce Carol Oates "Zombie", Deutsche Verlags- Anstalt München 2000; ISBN 3 - 421 - 05178 - X;
Die englischsprachige Originalausgabe erschien unter dem Titel "Zombie" bei Dutton · New York 1995.